Das Grauen kommt nachts


Originaltitel:
Delirio Caldo
Alternativtitel:
Delirium
Jahr:
1972
Eingetragen:
23.05.2014
IMDB-Wertung:
5,6/10

Es ist doch wirklich schön, dass sich mittlerweile anscheinend eine kritische Masse gefunden hat, die ältere Genrefilme kauft, so dass sich sogar recht aufwändige DVD-Veröffentlichungen lohnen. Und zwar nicht nur Veröffentlichungen der allseits beliebten Genrefilme, sondern auch eher abseitiger Machwerke. Das Grauen kommt nachts wartet mit einem äußerst vielversprechenden Trailer auf: Zu bedeutungsschwangeren, kitschigen Schlagerklängen wird gnadenlos auf leichtbekleidete Frauenkörper gezoomt bis der Arzt kommt, während der angenommene (männliche) Protagonist angesichts dieser Aussichten sichtbar Höllenqualen leidet.

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Diesem Erwartungsdruck kann der gesamte Film dann allerdings nicht gerecht werden. Was komprimiert auf 90 Sekunden nach unglaublich köstlicher unfreiwilliger Komik wirkt, zieht sich leider auf 90 Minuten gestreckt stellenweise. Wobei das Fundament durchaus dem Erwarteten entspricht.

Im Zentrum der Geschichte steht ein gewisser Dr. Herbert Lyutak (Mickey Hargitay), gesprochen „Lintag“, der gleich in der ersten Szene eine junge Frau (Stefania Fassio) unter einem Vorwand in sein Auto lockt, sie dann in eine abgelegene Gegend kutschiert und dort, als sie langsam merkt, dass hier etwas nicht stimmt, in einem Anfall sexueller Frustration ermordet. Am nächsten Tag erfahren wir, dass Lyutak (Ironie pur) als Polizeipsychologe arbeitet, dort Verdächtigenprofile für genau solcherlei Fälle erstellt. Er selbst wird nach dem nächsten Mord erstmal trotz Identifikation durch einen Barkeeper vom Verdacht entlastet, da er sich währenddessen in Polizeigewahrsam befand.

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Stattdessen schießt man sich auf „Kartoffel“ (Tano Cimarosa), den „freiwilligen Parkwächter“ (soll das sowas wie „ehrenamtlich“ heißen?), der komischerweise ebenfalls immer zugegen ist, wenn eine Frau ermordet wird, ein. Jener beteuert, nur ein harmloser Spanner zu sein. Die Stalkinggesetze waren in den 70ern eben noch nicht so ausgeprägt…

Für die Zuschauer bleibt jedoch Lyuntak der „Verdächtige“, schließlich weiß man mehr – man hat ihn ja bereits morden sehen. Wenn das nicht irgendeine Traum- oder Fantasieszene war, die mit steigender Laufzeit verstärkt eingesetzt werden. Auf jeden Fall erfährt man dadurch die Ursache seiner Probleme: Der gute Mann, der „immer das Verbrechen bekämpft [hat]“ (außer, wenn er gerade mordet, meint er wohl), ist impotent. Seine Ersatzhandlungen sind brutaler Natur; insbesondere weibliche Beine und Hälse haben es ihm angetan, was seine Frau (Rita Calderoni) immer wieder handgreiflich zu spüren bekommt. Da ihr die Würgespiele jedoch gefallen, muss man wohl davon ausgehen, dass auch sie ordentlich einen an der Waffel hat.

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Sehens- und Hörenswert sind dabei vor allem jene Mono- und Dialoge, die todernst vorgetragen (und gemeint) das „psychologische Fundament“ der Geschichte bilden sollen. Wie sehr man sich dafür bei den deutschen Übersetzern bedanken muss, bleibt offen. Dazu kommen Absurditäten wie eine seelenlos mitten im Park herumstehende Telefonzelle (weil man eben gerade eine braucht für die Handlung), Lyuntags plötzliche metaphysische Eingebungen über noch stattzufindende Morde (denen die Polizei dann selbstverständlich auch nachgeht) und eben jene seltsamen Traumszenen mit vielen Ketten und noch mehr Sex.

Was sich nun wahrscheinlich alles wieder toll anhört, nur gesellen sich zu diesen Highlights eben auch Phasen, in denen einfach herzlich wenig passiert. Und auch einige der Szenen, die schlaglichtartig im Trailer, dort untermalt vom tollen Endsong, noch gut wirkten, sind von langweilig-generischer Musik begleitet und zeitlich ausgedehnt nicht mehr ganz so gut. Insbesondere die mangelnde musikalische Qualität versetzt dem Sehvergnügen doch einen deutlichen Schlag: Der überzogene Kitschfaktor sinkt, die Fratzen des Hauptdarstellers wirken nicht so, wie sie es klanglich unterfüttert vielleicht könnten.

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Dass man den Film nun endlich in (technisch) guter Bild- und Tonqualität sowie in unterschiedlichen internationalen Schnittfassungen sehen kann, ist natürlich trotzdem zu begrüßen, denn der Unterhaltungsfaktor ist zumindest für Fans schon in Ordnung und dass es sich um einen so bierernsten Versuch eines „tiefgründigen, persönlichen Statements“ handelt, macht die Sache zweifellos noch besser. Ernstgemeinte Werke verdienen auch eine (zumindest halbwegs) ernsthafte Betrachtung und Bewertung. Die hoffentlich hiermit ausreichend geschehen ist.

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