The Frightened Woman


Originaltitel:
Femina Ridens
Alternativtitel:
The Laughing Woman
Jahr:
1969
Eingetragen:
19.11.2011
Bearbeitet:
16.03.2013
IMDB-Wertung:
6,9/10

Aus Femina Ridens, also der „lachenden Frau“ wurde auf im englischsprachigen Raum auf DVD The Frightened Woman, d.h. die „ängstliche Frau“. Seltsam, aber völlig absurd ist das auch nicht. Falls sich dann irgendwann mal ein deutscher Vertrieb findet, wird dann vielleicht Der ängstliche Mann daraus werden. Die Welt ist verrückt: Selbst Schund wie Der Schwanz des Scorpions oder Murder Rock kann man an jeder Straßenecke kaufen, aber wirklich gute Filme wie diesen nicht? [Nachtrag: Mittlerweile ist eine deutsche Veröffentlichung unter dem gleichen Titel erschienen, nachdem sie zuerst unter dem Namen „The Laughing Woman“ angekündigt war. Der Sinn, einen italienischen Film englisch zu betiteln, erschließt sich mir zwar nicht, aber es wäre immerhin ein Fortschritt gewesen.]

Wer sind also diese ängstlichen (oder vielleicht auch lachenden) Personen, um die es geht?

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Maria und Dr. Sayer, der phallische Messer sammelt

Auf der einen Seite ist da Dr. Sayer (Philippe Leroy), der Kopf einer (nicht näher erklärten) riesigen Firma und entsprechend reich. Er gibt sich perfektionistisch, zutiefst asketisch und wohltätig. Geradezu panische Angst hat er jedoch vor Sexualität, Frauen und was sonst noch so damit zusammenhängt. Mit entsprechend irrationaler Sorge beobachtet er deshalb die voranschreitende Emanzipation dieser ihm fremden Geschöpfe. In seinem selbstgesponnenen Weltbild gibt es eine große Verschwörung der Frauen, Männer komplett überflüssig zu machen: Die Wissenschaft sei bald so weit, dass Frauen sich allein fortpflanzen könnten und auch das Wunschgeschlecht (selbstverständlich ebenfalls weiblich) ihrer Kinder bestimmen könnten. Dann sei der Zeitpunkt gekommen, wenn sie den armen Männer endgültig den Gar aus machen würden.

Er kompensiert diesen offensichtlichen Minderwertigkeitskomplex mit einer besonderen Art der Wochenendunterhaltung: Er entführt Frauen, quält und foltert sie und bringt sie schließlich um. Sein mehr oder weniger zufälliges aktuelles Opfer: Maria (Dagmar Lassander), eine noch relativ neue Angestellte seiner Firma. Er wendet hauptsächlich psychologische Foltermethoden an: Sie muss erniedrigende Handreichungen verrichten, ihm geknebelt beim Essen zusehen, alberne Kostüme tragen, er schneidet ihr die Haare (Zeichen ihrer Weiblichkeit) und sie muss sich immer wieder Drohungen anhören, was er noch alles Schreckliches mit ihr vorhabe. Letzteres wird schließlich durch dokumentarische Fotos ihrer Vorgängerinnen untermauert. Klar, dass sie da natürlich – trotz Glaube an hinduistische Reinkarnation – Angst bekommt.

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In caesarischer Pose

Schließlich kann Maria Sayer jedoch davon überzeugen, dass seine Ängste unbegründet sind; er müsse sich nur öffnen und könne das Leben sogar noch viel mehr genießen. Die beiden beginnen eine überschwengliche Beziehung. Oha... ein extremer Fall des Stockholm-Syndroms? Vielleicht nur ein Traum/Albtraum entweder von Maria oder Sayer, die mittlerweile völlig den Verstand verloren haben und tatsächlich immer noch in den dunklen Verliesen herumgammeln? Oder ist es nicht sogar genau das, was Sayer die ganze Zeit angedroht hat? Nämlich Maria in dem Moment dann doch umzubringen, in dem sie sich wieder in Sicherheit wiegt? Nein, die wirkliche Lösung ist sogar noch absurder...

Und hier muss man eigentlich aufhören, wenn man denjenigen, die den Film noch nicht gesehen haben, die Überraschung nicht verderben möchte. Gleichzeitig malt die bisherige Beschreibung jedoch ein Zerrbild des Films, denn er stellt sich schließlich als lange nicht so eindimensional, wie man erstmal denkt, heraus. Dazu kommt eine hochstilisierte Inszenierung, die Femina Ridens (unter welchem Titel auch immer) sehr sehenswert macht. Im Folgenden nun noch ein paar Anmerkungen zum weiteren Verlauf (weiterlesen auf eigene Gefahr).

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Als großer Jäger

Ganz so schlimm ist Sayer nämlich doch nicht: Bislang hat er seine Machtfantasien ausschließlich mit Prostituierten ausgelebt, die von ihm fürstlich finanziell entlohnt wurden und sein Haus allesamt lebendig und mit nur leichten Blessuren wieder verlassen haben. Maria ist die erste Frau, die er tatsächlich gegen ihren Willen festhält.

Oder zumindest glaubt das Sayer. Denn Maria ist eigentlich willentlich dort. Die Erniedrigungen und die damit verbundene Gefahr über sich zu ergehen zu lassen, ist wiederum Teil ihres Plans: Von einer der von Sayer angeheuerten Dienstleisterinnen weiß sie von vornherein genau über ihn Bescheid. Ihr Freizeitvergnügen besteht darin, mit machthungrigen Männern zu spielen, sie ihrer Macht (d.h. dem Zeichen ihrer Männlichkeit) zu berauben. Sie ist also genau eine solche Frau, wie Sayer sie sich in seinen anscheinend doch gar nicht mal so paranoiden Fantasien ausgemalt hat und sie ist ihm in diesem Machtspiel überlegen. Als Siegerin kehrt sie in ihre hochmoderne Villa zurück, in der sie sich von (selbstverständlich ausschließlich männlichen) Dienern umsorgen lässt, während Sayer tot in seinem Pool treibt – er ist ein weiterer Teil ihrer „Sammlung“ geworden.

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Als bedrohlicher Ästhet

Ist diese Wendung auch nur ansatzweise glaubwürdig? Es könnte kaum weniger sein. Maria geht da doch ein ganz schön hohes Risiko ein. Zwar weiß sie (oder glaubt zu wissen), dass Sayer im Grunde seines Herzens doch harmlos ist. Doch das wusste er noch nicht einmal selbst: Er erkennt es erst in der Situation, in der er bereits die Waffe zum Todesstoß Marias erhoben hat. Und dass Sayer dann, trotz schwachem Herzen und der ins unendlich gesteigerten Spannung, wirklich das zeitliche Segnen würde beim erste Versuch, mit Maria zu schlafen, war ja wohl ebenfalls alles andere als sicher. Und die Sache mit den Haaren ist ja wohl wirklich völliger Blödsinn. Man muss all das wohl symbolisch auffassen, nicht wörtlich.

Doch das muss man zu Gunsten der Spannung schon hinnehmen. Viel bedeutender ist die vielschichtige künstlicherische Inszenierung. Manchmal ist die Symbolik alles andere als subtil: So werden Sayers Ängste in Form von Träumen von einer überdimensionalen, breitbeinigen Nana mit einer vagina dentata an der Männer in schwarzen Anzügen mit mit den Händen voller Geschenke Schlange stehen und die sie betreten, aber nie mehr zurückkehren, dargestellt. Interessanter wird es, wenn man bemerkt, dass sich das Zahnmotiv (wie auch das von Gittern, auch an eher unerwarteten Stellen) auch an anderer Stelle durch den Film zieht. Oder wenn in der finalen Begegnung zwischen den beiden Charakteren plötzlich typische Italo-Western-Musik eingespielt und so sofort non-verbal eine „Showdown“-Atmosphäre heraufbeschworen wird.

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Als stilvoller Voyeurist (im Hintergrund: Zähne)

Eine besondere Bedeutung kommt auch der Handlung des Beobachten „aus sicherer Entfernung“ zu. Solange Sayer seinen Abstand von Maria hält, entweder durch Wände, Gitter oder zumindest einen Fotoapparat von ihr getrennt ist, fühlt er sich sicher und als dominante Figur. Doch er tritt mit der Zeit immer häufiger in ihre Sphären über, wird von Maria geschickt aus der Reserve gelockt, da er eben selbst gar nicht so asexuell und kalt ist, wie er gern wäre. So büßt er langsam immer mehr seiner Macht ein bis es schließlich Maria ist, die Schnappschüsse von ihm macht, während er eine Show für sie abzieht (was ja von ihm ursprünglich mal genau andersherum gedacht war). So werden immer wieder sehr subtile Hinweise in die Erzählung eingestreut, die alle auf das Ende hindeuten, jedoch so richtig erst beim nächsten Anschauen klar werden.

Tatsächlich ist der Film nämlich gar nicht mal so deutlich zweigeteilt (1. Sawyer hält Maria gefangen; 2. Die beiden gehen eine Beziehung ein), wie man erstmal annehmen könnte. Bereits in der ersten Hälfte verschieben sich die Dinge langsam und subtil, beispielsweise, wenn sich Sawyer nach Marias „Schleiertanz“ plötzlich selbst zwischen Stacheldraht eingekesselt findet, während sich seine scheinbare Gefangene mit einer graziösen Drehung locker aus diesem Käfig befreit hat. Und nicht umsonst tauchen gleich mehrere Handlungen der Charaktere und bildliche Motive gespiegelt mehrfach auf.

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Hier scheinbar immer noch stark und überlegen, aber schon auf der anderen Seite des Gitters

In diesem Zusammenhang muss man auch die Dialoge erwähnen (in Ermangelung einer deutschen Fassung bezieht sich das Folgende auf die englische Synchronisation). Viele wirken recht gestelzt, was natürlich eine Auswirkung der Übersetzung sein könnte (angesichts des Kauderwelschs, das man im Lied, das am Ende gespielt wird, zu hören bekommt, nicht auszuschließen). Doch ob nun Absicht oder Zufall, es wirkt sich positiv aus, denn es verstärkt nur noch das Gefühl des Zuschauers, dass es sich alles um ein großes, künstliches Rollenspiel handelt. Und nach Kenntnis des Endes bekommen viele Aussagen gleich eine völlig andere Bedeutung. So beispielsweise der Austausch zwischen Maria und Sayer in dessen Büro (vor dem Kidnapping): Sie erzählt, sie arbeite besonders gerne am Wochenende, da sie sich dann ganz und ohne Ablenkung auf das Wesentliche konzentrieren könne. Die Welt von „bösen Männern“ zu befreien ist in gewisser Weise ja ihr „Beruf“ (im Sinne von „Berufung“), was an dem folgenden Wochenende passiert ist also „Arbeit“ (die ihr nebenbei auch noch gefällt) für sie. Die dritte Bedeutungsebene: Auch Sayer verbringt seine Wochenenden ja nicht gerade „normal“ und das weiß Maria in diesem Moment bereits (allerdings weiß eben der Zuschauer nicht, dass sie es weiß). Nicht ganz ausnahmslos positiv wirkt es dagegen in einer Szene, in der die gefangene Maria Sayer scheinbar verzweifelt darlegt, wie er Frauen viel besser ohne Gewaltanwendung „quälen“ könne (durch seine „Männlichkeit“): Dies wirkt beim ersten Anschauen erstmal sogar ansatzweise unfreiwillig komisch. Im Rückblick ist dagegen klar, dass sie hier nur darlegt, was sie üblicherweise (mit vertauschten Geschlechterrollen) tut.

Ein wiederholten Ansehen lohnt sich also. Dies trifft noch verstärkt auf die ersten zehn Minuten des Films zu: Die Interaktionen der Prostiuierten (Mirella Pamphili) und des Mannes mit der Augenklappe (Varo Soleri) – der offensichtlich nur eine Augenklappe trägt, damit man ihn 80 Minuten später überhaupt noch wiedererkennt – ergeben erstmal wenig Sinn. Dass Sayers Sekretärin (Maria Cumani Quasimodo) im Rollstuhl sitzt, fällt dagegen wieder unter die Kategorie „sofort offensichtlich“: Wenn er schon eine berufstätige Frau (seiner Ansicht folgend „unnatürlich“) um sich herum haben muss, dann muss es eine „halbe“ (und damit ungefährliche) sein.

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Eintreten oder nicht?

Ein solcher Film könnte jedoch noch so gut inszeniert und ausgestattet sein – es hinge immer noch alles von den beiden Hauptdarstellern ab. Von Leroy wird eigentlich nur erwartet, permanent stoisch zu gucken. Dafür ist er der richtige Typ. Die Verwandlung in den etwas schüchternen Zwölfjährigen (denn so verhält er sich logischerweise während der ersten „echten“ Romanze seines Lebens) bekommt er dann gegen Ende aber auch ganz gut hin. Die weibliche Hauptrolle ist mit Dagmar Lassander hervorragend besetzt. Dies war nach ersten darstellerischen Gehversuchen in Deutschland (sie ist u.A. im ersten Farbfilm der Jerry-Cotton-Reihe zu sehen) ihre erste Rolle in Italien; ihrer eigenen Aussage nach sprach sie zu dem Zeitpunkt noch kein Wort Italienisch. Das Drehen ohne Ton und anschließende Komplettnachsynchronisierung war zu der Zeit in Italien ohnehin üblich, aber ein großes Handicap muss das trotzdem gewesen sein. Desto erfreulicher, dass Lassander angemessen vielschichtig rüberkommt – auch hier kommt dem Gesamteindruck sicherlich der Verfremdungseffekt zu Gute, dass ihre Figur die meiste Zeit eine Rolle spielt.

Das war jetzt lang, also nochmal die kurze Zusammenfassung: eine höchst reaktionäre Paranoiafantasie, gut gespielt und hervorragend aufgenommen. Hier wurde nicht einfach nur die Kamera stumpf irgendwo hingestellt und Menschen aufgenommen, sondern jedes Bild hat (mindestens) eine Bedeutung. Exploitationfans kommen dagegen trotz der Thematik weniger auf ihre Kosten: Trotz einiger diesbezüglicher Szenen, spielt sich viel dann doch nur im Kopf ab.

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