Ostfriesenkiller


Originaltitel:
Ostfriesenkiller
Jahr:
2017
Eingetragen:
23.11.2017
IMDB-Wertung:
6,2/10

Den Ostfriesenkiller sollte man in Filmhochschulen zeigen, als Lehrstück für deutsche Krimi-Drehbücher. Selten hat man eine derart zugespitzte Figurenkonstellation sehen dürfen. Die Lektionen in Reihenfolge:

1. Die Polizeikommissarin (Christiane Paul)

…muss natürlich eine zerrüttete Familie haben, da sie schließlich nur für ihren Job lebt. Mann (Andreas Pietschmann) hat eine Affäre mit einer anderen und man kann es ihm kaum übelnehmen, wie auch die Protagonistin anscheinend bei einem nächtlichen Trip einsehen muss. Sie, obwohl (oder nach Fernsehlogik: gerade weil) immerhin Frau und Mutter ist sie nicht einmal primäre Bezugsperson ihres Sohnes (Alexis Salsali), der sie aber trotzdem irgendwie liebt. Warum ist sie derart versessen auf ihre Arbeit? Freud'sches Trauma: Ihr Vater, großes Vorbild und ebenfalls ehemaliger Polizist, wurde bei einem Bankraub erschossen.

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Ostfriesland

Seitdem erscheint er ihr an strategisch günstigen Momenten als Vision und gibt ihr wohlmeinende Ratschläge. So wie der Film auch ein paar andere Intuitionen der Hauptfigur bildlich sichtbar macht. Was beides wohl eine gewisse Würze reinbringen soll, aber zu nichts führt, und somit als Stilmittel irrelevant bleibt.

2. Die Kollegen

…gibt es. Die üblichen Macken werden angedeutet (unbeliebter, geleckter Schnösel väterlicher Vorgesetzter usw.), führen aber nirgendwo hin. Seit Tatort muss ja jeder Fernsehkrimi darauf schielen, in Serie zu gehen, wo soetwas dann eventuell Sinn ergäbe. Nur irgendwie schade, dass im Umkehrschluss kein Film mehr für sich selbst stehen darf.

3. Der erste Verdächtige

…ist ausgerechnet der Ehemann der Hauptfigur, der beiläufig immer als mysteriös unterwegs enttarnt wird, wenn die Morde geschehen. Eine Spur, die allerdings ausschließlich für die Zuschauer zu Hause inszeniert, niemals untersucht oder verfolgt wird und entsprechend ohne weiteren Kommentar im Sande verläuft.

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Zu verdächtig

4. Der Schleimbeutel (Uwe Bohm)

…schnell bekommt man stattdessen einen anderen offensichtlichen Hauptverdächtigen aufgetischt. Der Chef einer Provinzmöbelladenkette ist gleich bei seinem ersten Auftritt dermaßen unsympatisch, aggressiv, arrogant und ungeschickt, dass er eigentlich nur der Täter sein kann. Er hatte ein handfestes Motiv und brüllt das auch noch offensiv den Ermittlern ins Gesicht. Wenn man schonmal einen deutschen TV-Krimi gesehen hat, ist damit klar, dass er nun wirklich überhaupt nichts mit den Morden zu tun haben kann.

5. Der Mörder

…na, wer schon? Außer den Szenen um den Möbelschacherer und die Familie der Protagonistin verbringt man seine Zeit ausschließlich im Arbeitsumfelds des ersten Mordopfers. Die verpflichtende Wendung: Es muss natürlich der Sympatieträger der Geschichte sein. Was dann irgendwie voll tragisch und verwickelt sein soll. Aber unglaublich banal ist.

Vertiefungsthema: Lokalkolorit

Immerhin befindet sich jenes bereits im Titel. Szenische Zwischeneinblendungen des Strands, der weiten Wiesen, der Deiche sollen die jeweilge Stimmung und Lage widerspiegeln. Der Showdown findet stilgerecht im Wattenmeer statt, was aber natürlich auch keinem zwingenden Handlungsgrund folgt. In einer ganz amüsanten Szene, in der der Regisseur gekonnt die gerade aufgebauschte Spannung komisch verpuffen lässt, tritt ein typisch wortkarger Ostfriese auf.

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Wer ein wenig hinguckt, kennt den Täter

Ansonsten sieht man halt im Hintergrund immer wieder typische Straßenzüge, einmal geht es kurz per Hubschrauber nach Langeoog… aber ein vertiefstes Verständnis für die verschiedenen Handlungsorte (geschweige denn, dass es eine Relevanz hätte, was wo geschieht) wird nicht entwickelt. „Viel besser als im hektischen Aurich“, bemerkt ein Ermittler in einer Szene. Großstadthektik ist sicher subjektiv, aber wo dieser Satz gesagt wird, bleibt unausgesprochen und wird auch nicht anderweitig gezeigt. Die Straße, über die in dem Moment geschritten wird, ist auf jeden Fall für nur halbwegs ostfriesisch gebildete genausogut in der Metropole Aurich sein.

Fazit

Der Ostfriesenkiller macht keine entscheidenden Fehler. Gleichzeitig geht er aber auch Null Risiko ein: Die Versatzstücke sind allesamt derart alte Hüte der Dramaturgie, dass man sich nach dem Selbstanspruch der Autoren der Vorlage sowie des Drehbuchs schon fragen muss. Was überhaupt auch auf den Rest der Produktion nahtlos übertragbar ist: Darsteller, Regie, Schnitt – alles im routiniert-guten Rahmen, aber es bleibt auch nichts hängen. Verbrauchsware für einen ansonsten ereignislosen Abend. So muss man es wohl sehen.

P.S. Natürlich besonders wichtig: Rotkanal aus den Bildern nehmen. Das gibt diesen obercoolen Look.

Diese DVD wurde zu Rezensionszwecken kostenlos zur Verfügung gestellt.

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