The Double


Originaltitel:
The Double
Jahr:
2013
Eingetragen:
07.10.2014
IMDB-Wertung:
6,5/10

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Wer bin ich und was ist meine Rolle in der Gesellschaft? Eine Grundfrage menschlicher Existenz und damit zeitloser Stoff. Zeitlos, aber auch schwierig, da man sich in sehr subjektive und persönliche Gefilde begibt. Die eigenen Erfahrungen sind je nach Menschentyp sehr unterschiedlich, auf universell verständliche Symbole (und anders als symbolisch ist ein solches Thema ohnehin nicht greifbar) kann man nicht zurückgreifen. Immerhin erlaubte es die Zeitlosigkeit des Stoffes dem Regisseur Richard Ayoade auf klassischen Stoff Dostojewskis zurückgreifen und diesen frei in die Gegenwart zu übertragen, ohne dass es dabei zu sichtbaren Reibungsverlusten kommt. Doch die Subjektivität wird wahrscheinlich für sehr unterschiedliche Bewertungen des Endprodukts sorgen.

Im Mittelpunkt der Geschichte steht Simon James (Jesse Eisenberg), die personifizierte Unauffälligkeit. Er fährt jeden Tag zur Arbeit, tut dort seinen Job (woraus auch immer der im Detail besteht), und ist laut eigener Aussage auch gar nicht schlecht darin – doch niemand nimmt dies, oder ihn überhaupt, wahr. In Restaurants wird er nicht oder nur sehr niedrigprioritär bedient. Das Pflegeheim seiner dementen Mutter (Phyllis Somerville) zockt ihn wie selbstverständlich ab. Sein großer Traum gilt Kollegin Hannah (Mia Wasikowska), die per Fernrohr zu bewundern er sogar in ein winziges Apartment ihr gegenüber eingezogen ist.

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Bewegung kommt in sein Leben, als ein gewisser James Simon (Eisenberg) in der Firma anfängt. Dieser ist äußerlich Simons exakter Doppelgänger (inklusive, und dies will sinntechnisch nicht so richtig passen, dem gleichen unseligen Anzug und der gleichen verkrampften Körperhaltung), doch niemand außer Simon bemerkt es. James' Persönlichkeit könnte jedoch nicht unterschiedlicher sein: Er ist selbstbewusst, knüpft mühelos neue Bekanntschaften und -liebschaften und gilt auch bei der Arbeit sofort als Kandidat für höhere Aufgaben.

Kurz sieht es so aus, als käme der Kontakt mit James auch Simon zu Gute. James' Gesellschaft macht auch ihn (relativ gesehen) sicht- und streitbarer. Doch langsam aber unaufhaltbar kristallisiert sich heraus, dass es doch eigentlich wieder James ist, der von den gelegentlichen Rollentauschen profitiert: James' Arbeit erledigt Simon bald alleine (unter Vernachlässigung seiner eigenen), als er ein Liebesnest für geheime Treffen mit der Tochter (Yasmine Paige) des Chefs braucht, erpresst er sich den Schlüssel zu Simons Wohnung. Auch Hannah kann dem aalglatten Doppelgänger nicht widerstehen – und als Simon erfährt, dass dieser auch noch seine eigenen Aussagen zwecks Verführung verwendet hat, ist ihm klar, dass er nur benutzt wird. Doch was soll er tun? Wer würde ihm, und nicht dem beliebten James glauben? Mit jedem seiner Versuche, sich zu erklären, und James zu entlarven, zieht er sich selbst nur tiefer in den Sumpf.

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Die explizite Handlung ist bereits clever konstruiert. Implizit ist James natürlich erstmal die Wunschprojektion Simons seiner selbst. Er möchte selbstbewusst, beliebt und angesehen sein. Er möchte nicht mehr Punchingball der Gesellschaft sein. Doch, wie er selbst schließlich feststellen muss, nicht um jeden Preis. Dreistigkeit und Arroganz siegen, kennen aber auch keine Grenzen. James, als Gegenentwurf zu Simon, ist auch nicht die Lösung. Er hinterlässt im besten Fall Leere, im schlimmsten Fall tief verletzte Seelen.

In diesem Sinne ist The Double eine zutiefst moralische Geschichte, die auch mit einem leicht kitschig angehauchten Ende aufwartet – das sich aber immerhin eventuell nur in der Fantasie des Protagonisten abspielt. Trotzdem bleiben einem zum Glück diverse unnötige moralisierende „Antworten“ erspart, denn auch wenn Simon am Ende vielleicht ein wenig an der Herausforderung James' gewachsen ist, hat er den vielbeschworenen Mittelweg ja immer noch nicht gefunden. Insofern bleibt er eine tragische Figur, mit der man sich identifizieren kann.

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Stilistisch gelingt Ayoade mittels zahlreicher Rückbezüge zu Klassikern des Genres (von Brazil über Ekel und Der Mieter bis hin zu expressionistisch angehauchten Kameraeinstellungen) eine interessante Distanzierung von seinem eigenen Stoff. Trotz des düsteren Themas bleibt einem das Lachen niemals ganz im Halse stecken, da man sich durch die Überinszenierung der Künstlichkeit immer bewusst bleibt. Dadurch wirken Szenen, wie Hannahs Ausbruch über ihren ersten Stalker, der sich gerade das Leben genommen hat, in dem sich alles auch auf Simon – Rezipient ihrer Worte – beziehen lassen könnte, auf zynische Weise köstlich anstatt bedrückend.

Was nur gut ist, denn so entwickelt The Double gegenüber ähnlich gelagerten Doppelgängergeschichten, beispielsweise der gleichnamigen Folge aus Alfred Hitchcock Presents oder Ein Mann jagt sich selbst ein – ironisch – eigene Identität. Soweit die einigermaßen objektiven Beobachtungen. Es bleibt die subjektive Bewertung der subjektiven Darstellung, und die kann man glücklicherweise kurz halten: bislang einer der besten Filme des laufenden Jahrtausends! Und als solcher „selbstverständlich“ leider nicht weitläufig überhaupt zu sehen, weil ja schließlich sämtliche Kinosäle für „tolle“ „neue“ „Superheldenfilme“ „gebraucht“ werden.

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